Marseille, die Hafenstadt im Süden Frankreichs hat einen schlechten Ruf: Die Hauptstadt der Provence gilt als schmuddelig, kriminell und gefährlich. Und tatsächlich: Prachtbauten und mondänes Leben sucht man hier vergeblich.
Kreativer Schmelztigel der Kulturen
Doch Marseille ist ein Schmelztiegel der Kulturen, nach New York Hauptstadt des Hipp-Hopp und 2013 Kulturhauptstadt Europas.
Das macht Marseille mit seiner mehr als eine Million Einwohner zu einem interessanten Kreativzentrum – kein Vergleich natürlich zu Metropolen wie London oder Berlin, dafür aber umgeben von einer traumhaften Landschaft. Für mich ein Grund, sich Marseille auch als potentiellen Arbeitsort näher unter die Lupe zu nehmen.

Das gewisse Etwas
La Bo[a]te, die kleine Innovationsfabrik, wie sie sich selbst nennt, liegt zentral in Marseilles Altstadt unweit des Vieux du Port in der Rue de la Paix. Der 200 Quadratmeter große Raum wirkt gemütlich und chic zugleich – eine Kombination, die ich bisher bei Berliner Co-Working Spaces vermisst hat.
Hier arbeiten vor allem Leute, die irgendwie mit der Internet-Branche zu tun haben, aber auch Lektoren und Redakteure.
![Hier gehts zu La Bo[a]te](http://lh6.ggpht.com/-VC6yVZ2VMcE/TkjX7jx_bJI/AAAAAAAAAzk/jlkcy4cncyw/s565/LaBoateAufgang.JPG)

Event-Location
Es gibt einen Bar-Tresen und Arbeitsplätze mit Computern an der Wand, dazu freies WLAN im ganzen Raum. Etwas abgetrennt befindet sich hinter dem Saal ein Konferenzraum mit Beamer an der Decke und Leinwand.
Den großen Saal und auch den Konferenzraum vermieten die Besitzer regelmäßig für Veranstaltungen, Events, Präsentationen. Auch an große Unternehmen. Am Abend etwa wird hier ein Anglo-Mediterranes Business-Meeting stattfinden. Regelmäßig gibt es hier zum Beispiel auch BeMyApp-Weekends. Einen Überblick über die Veranstaltungen vo La Bo[a]te bietet der YouTube-Chanel.


Echte Büros für Langzeit-Coworker
Rechts neben dem Saal (vom Eingang aus gesehen) gibt es einen kleineren Raum mit richtigen Büroräumen und allem, was das Coworker-Herz begehrt: Vernünftige Schreibttischstühle, Ablagen, einen Drucker und durch Glasscheiben abgetrennte Arbeitsbereiche.
Das ist das Konzept von La Boate, wie mir Martine erklärt, die die Räumlichkeiten 2007 gekauft hat : Im hinteren Bereich arbeiten die Lang-Zeit-Coworker, Gut 15 Leute, die sich zum Teil bereits seit Jahren kennen. Wer hier arbeiten willl, mietet sich für mindestens drei Monate ein und zahlt monatlich 200 Euro.


Offene Arbeitsplätze für tägliche Coworker
Seit 9 Monaten steht der vordere, offene Bereich mit den Computer-Arbeitsplätzen auch täglichen Coworkern offen: Menschen die einfach mal einen Tag vorbeikommen, hier arbeiten oder das Internet erkunden wollen. 12 Euro kostet das am Tag, 8 Euro für den halben Tag.
Hier kommen gerne mal Leute aus Paris oder Lyon vorbei, erfahre ich, die nur für ein paar Tage in der Stadt sind und die im Hotel nicht arbeiten können.

Andere Bedürfnisse als in Berlin
Dennoch zeigt die Einteilung und Preisgestaltung zeigt die im Vergleich zu Berlin veränderten Bedürfnisse: Es gibt weniger Menschen, die daran Interesse haben, einen flexiblen Arbeitsplatz monats- oder wochenweise zu mieten.
Und die stattdessen nur für ein paar Stunden vorbeikommen, um zum Beispiel im Internet zu surfen. Wie eine Art Cybercafe. Und genau da liegt auch der Ursprung des Coworking-Spaces: bevor die Webenthusiasten La Boate zu einer kleinen Kreativ-Fabrik umfunktionierten, war es ein Internet-Cafe.

Innovationen entwickeln und weitergeben
Martine hat allerdings genaue Vorstellungen, welches Klientel sie hier haben möchte: „Wer Computerspiele machen möchte, der ist hier falsch. Wer jedoch etwas übers Internet lernen möchte, kann gerne vorbeikommen und auch mal umsonst surfen“, erklärt sie.
Genau das ist überhaupt die Idee, die hinter La Boate steht, das auch durch Gelder der Kommune gefördert wurde: Nicht nur gemeinsam kreative Ideen zu entwickeln, sondern die Innovationen auch weiterzugeben. „Es geht uns darum , ein Bewusstsein zu schaffen für die Veränderungen unserer Gesellschaft, etwa die zunehmend mobilere Lebens- und Arbeitsweise.“, berichtet Martine. Und fügt seufzend hinzu: „Aber das braucht Zeit!“

Internationale Zusammenarbeit
Eine Sache interessiert mich noch, weil ich mich an das internationale Coworking-Netzwerk The Business-Class-Net erinnere: Welche Möglichkeiten haben die Betreiber von La Bo[a]te, mich zu unterstützen, wenn ich z.B. aus dem Ausland kommend hier ein paar Wochen arbeiten möchte?
Die Antwort: Bisher gibt es noch keine Infrastruktur für internationale Vernetzung. Aber für die Zukunft sei das durchaus denkbar. Jedenfalls sei man sehr an internationaler Zusammenarbeit interessiert.
Hier noch ein Video über La Bo[a]te
Rencontre BlogueurDuSud #2 – @La Bo[a]te… von MonsieurDream
17. August 2011 um 16:04 Uhr
Hübsch! Ich hoffe aber, du hast in Marseille nicht nur gearbeitet, sondern auch Zeit für die Calanques gefunden. Freue mich schon, wenn ich selbst einmal wieder nach Südfrankreich komme.
17. August 2011 um 16:21 Uhr
Auch, klar! Ja, ich fand die Calanque auch toll und habe hier auch einen Artikel darüber geschrieben.
18. August 2011 um 11:36 Uhr
Das ist auch gut so – die Natur der Provence ist wirklich ein Traum.
Ich war das letzte Mal 2007 in Marseille, damals im La Cigale et la Fourmi – auch dort kann man ganz gut arbeiten, auf einer winzig kleinen Dachterrasse. Ist allerdings nicht jedermanns Sache, da sehr klein und extrem familiär (und damit meine ich nicht “familiär” wie im Prospekt…).
Dass es mittlerweile Coworking Spaces gibt, ist daher eine wirklich positive Entwicklung. Auch bei uns in Graz soll einer entstehen. Ich hoffe, deine Serie läuft noch, wenn er fertig ist – dann bist du ganz herzlich zu uns eingeladen.